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Montag, 28. Dezember 2015

Über die Berge...Ein Traumbericht

Des Abends schläfrig schleppte ich mich in meine Koje und schlief sekündlich ein. Der Schlafraum ist einfach ausgestattet mit nur meinem Bett und einer Kerze auf dem Boden daneben. Ich schaffte es noch kurz bevor mich die Hässlichkeit des Schlafes überfiel, diese auszupusten. Leise erlischt das Licht, beraubt seiner Fähigkeit zu leuchten und den Raum zu erhellen durch den Atemstoß aus meinem müden Körper. Die Lebendigkeit der Flamme wird erstickt und hinterlässt kleine, filigrane Rauchfäden, welche sich zur Decke erheben und in der Dunkelheit der Nacht verschwinden. Mein Körper entspannt zu jener Sekunde in unterirdische Tiefen, welche meine Nerven und Muskeln lösen. Von nun an, ist nur noch der Traum meine einzige Realität.

Ich erwache unter einem blauen Himmel, durchzogen von Wolkenfetzen, welche mir unbekannte Wege nehmen. Sanft berühren mich die Strahlen der Sonne und lassen mich fühlen, dass ich echt bin. Ich liege auf einer Wiese bewachsen mit frischem Gras, saftigem Grün und übersät mit bunten Blumen, dessen Duft sich in meine Nase windet. Ich erhebe mich und reibe mir meine Augen. Noch verschlafen und mit verschwommenem Blick sehe ich mich um. Vor mir liegt ein Weg, welcher seit langer Zeit nicht mehr begangen wurde. Der Weg ist umsäumt von wildwachsenden Bäumen und Sträuchern, in welchen Vögel ihre Lieder singen. Ich leichte Brise zieht auf und weist meinen Blickwinkel in Richtung Ferne. Weit draußen erhebt sich die Landschaft zu ungeahnter Größe. Die Mächtigkeit der Erde zeigt sich mir in spitz aufragenden Bergen, welche zum Fuße Braun wie der Erdboden wirken und mit jedem Meter in die Höhe von Schnee und Eis bedeckt aufragen. Leichter Nebel schlängelt sich entlang der Bergwände und hüllt die Landschaft in mystische Atmosphäre. Ich erhebe mich und betrete den Pfad. Er zeigt in Richtung dieser Berge entlang der blumigen Wiesen, entlang der von Vögeln besungenen Wälder, geradewegs auf die allmächtige Aussicht hinzu. Ich spüre wie magnetisch mich die Anhöhen zu sich locken. Jeder Schritt wird schneller, als ob mich die Eile packt in diesem kurzen Traumleben die Berge zu erreichen. Je näher ich heran schreite beginnt mein Herz in meiner Brust zu pochen. Mein Atem wird kürzer und ich verliere den Blick für meine Umgebung. Immer weiter trete ich heran an diese märchenhafte Erscheinung, als ob es das Letzte ist, was ich jemals unternehmen werde. Stolpernd erreiche ich eine Anhöhe und bleibe stehen. Der Weg ist verschwunden und zeigt sich nicht wieder, um so genauer ich die Ferne studiere. Von nun an gibt es nur noch den Anstieg. Ich betrete sandigen Boden durchzogen von wilden Flüssen an welchen ich entlang spaziere, den Berg immer weiter im Blick. Hinüber und hinauf auf Steine springe ich den Fluten davon und erreiche den Beginn des Berges. Es gibt nur noch eine Richtung: Aufwärts. Meine Füße, so unbeholfen, schleichen über Geröll hinauf zu den eisigen Kappen, den schneebedeckten Graniten, welche seit Jahrtausenden auf mich warten. Seit ich unterwegs bin blickte ich nie zurück, nie um mich herum, mein Blick galt immer nur dem Massiv der Geschichte. Es fühlt sich an, als schlägt mein Herz nur noch für diesen Aufstieg, für diesen Moment. Mein Atem wird schwer, meine Sicht trüb, meine Beine schmerzen vom endlosen Aufwärtsgang, doch ich gebe mich nicht zufrieden. Ich muss mein Ziel erreichen bevor ich erwache, denn ich bin vielleicht nur einmal hier, träume nur diesen einen Traum den ich gerade lebe und versuche zu realisieren. Der Moment ist das kostbare Gut in jedem Leben. Er ist der Grund warum ich hier bin, warum wir Menschen jene Orte der Sehnsucht aufsuchen. Ohne den Moment existieren wir nur und vergeuden unsere Zeit. Zeit spielt hier keine Rolle, denn ich kann so lange steigen bis ich den Gipfel erreiche, doch raubt mir der Gedanke an das Erwachen die Sinnhaftigkeit des Augenblicks. Ich muss weiter. Der Wille etwas zu erreichen wird hier zur Sucht ohne zu hinterfragen, was erreicht wird. Es geht dabei nicht um ein Ziel, eine Urkunde oder Medaille. Es geht nur um die innere Befreiung, um die innerliche Stärke, welche durch den Aufstieg gefestigt wird. Um mich herum wird es stiller. Ich erreiche Schneefelder und begehe diese mit hoher Vorsicht. Die Höhe macht sich bemerkbar, doch meine Sehnsucht nach dem Gipfel lässt jene Gedanken an anatomische Grenzen verblassen und lässt mich diese mit meinem Gang überschreiten. Der Schnee wird fester und gleicht blanken Eise. Ich verlangsame mein Tempo und gleite sanft über die Anhöhe zum nächsten Pass. Habe ich diesen einmal erklommen, wird mein Weg geradewegs hinauf zum Gipfel sichtbar. Die Vergangenheit liegt nun weit hinter mir. Ich blicke in nichts hinein, als in die Veränderung, die auf mich wartet. Spirituelle Größe erlangen, die Frage über die Suche nach dem Unnützen wird immer größer. Dort oben wird nichts auf mich warten als Leere, doch die Antwort darauf zu finden, was die Heiligkeit ist wertlos, die Suche danach ist viel entscheidender. Mit jedem Schritt wächst meine Euphorie. Es kommt mir vor als habe ich jegliche Herausforderungen überwunden, als sei ich unbesiegbar, unverwundbar. Der Berg hat mich nicht zu sich eingeladen, ich habe mir diese Einladung selber geschrieben und merke wie er mich akzeptiert. Er wird mich nicht für immer behalten wollen, doch möchte er mir von seinem Dach die Welt zeigen. „Sieh sie dir an. Dies ist deine Heimat, der Ort an dem du dein Leben verbringst. Pass gut auf diesen Platz auf und kümmere dich um ihn. Er ist dein Zuhause.“ Nie erlebte ich einen größeren Einfluss auf mein Wesen, als in den Bergen. Niemand ist hier um meine Gedanken zu teilen und ich genieße die Einsamkeit, das wonach immer mehr Menschen suchen. Ich lebe die Einsamkeit. Die Idee des Alleinseins ist hier oben meine Wirklichkeit, meine einzige Wahrheit. Tief strömt die kalte Luft in meine Lungen und verteilt sich in meinem Körper. Meine Seele wird beflügelt von der Vorstellung des Ausblicks von der Spitze. Und ehe ich mich versehe, ehe ich auch nur einen Gedanken über den unvorstellbaren Rückweg verschwende, stehe ich auf dem Gipfel.
Ich blicke umher und sehe die Welt durch andere Augen. So sanft, so lieblich sieht sie von hier aus. Alles was mir je eingeredet worden ist, ist vergessen. Es ist kein Sieg, kein Triumph. Ich habe nichts materielles gewonnen, keinen Sieg errungen. Ich habe den Berg nicht bezwungen, ich wollte mich mit ihm anfreunden, ihn kennenlernen. Wir werden wohl niemals Freunde werden aber er zeigt mir wie tief wir in unserer Schuld stehen auf diese Erde aufzupassen. Wie können die Menschen dort unten am Boden nur diese Einmaligkeit vergiften, sie berauben und zerstören? Würden sie alle auf diesem Gipfel stehen wären sie vielleicht dem Moment nahe, ihren Weg nochmals zu überdenken. Hier oben gibt es keine Überlegung über den Fortschritt. Alles steht fest in Zeit und Raum. Veränderung ist hier ein Fremdwort. Es fühlt sich an, als würde ich hier die Vollendung erleben. Alles scheint erreicht, es gibt kein Verlangen nach „mehr“. Man besitzt alles, was man braucht. Jeglicher Überfluss ist hier unnütz. Mich überrascht das Gefühl zu wissen, dass ich hier zu einem echten Menschen heranwachse. Unverfälscht und rein. Und ich glaube, dass es darauf ankommt.
Ich lächle und beginne mit dem Abstieg. Immer wieder drehe ich mich herum und danke im Stillen dem Berg, dass er mir diese Möglichkeit gegeben, mich diese Einsicht hat spüren lassen. Ich weiss nun, dass es noch etwas anderes gibt, als dem Strom der Verelendung zu folgen, welchem wir alle so verfallen sind. Es gibt weitaus mehr als das. Und ich lernte dies mit meinem Aufstieg. Während ich hinabsteige verblasst langsam der Weg vor mir. Habe ich zu lange auf dem Gipfel Zeit verbracht? Schwächel ich nun? Ich sehe meine Schritte nicht mehr, erblicke meine Füße nur als Umriss, sehe den Gipfel nicht mehr. Der Himmel färbt sich schwarz, die Landschaft unter mir vermischt sich wie ein Farbkasten. Was passiert hier nur? Ist das die andere Seite des Berges? Das andere Gesicht? Immer wieder strenge ich meine Augen an, doch kann ich nichts mehr erkennen. Ich spüre wie mich die Kraft verlässt zu gehen und somit bleibe ich stehen. Soll ich nun für immer hier oben bleiben oder soll ich den Weg aus dieser einzigartigen Welt schaffen und der Nachwelt davon erzählen. Es fühlt sich an, als hebe ich ab und verlasse den Erdboden unter mir. Ich fühle nichts als Taubheit. Die Landschaft, der Berg, die Geräusche, alles verstummt und färbt sich in tiefes Dunkel.

….

Langsam öffne ich meine Augen. Ich höre beklommen in weiter Ferne Stimmen auf dem Flur. Ich bin wieder in meiner Koje erwacht und die ersten Sonnenstrahlen scheinen durch mein Fenstergitter. Die Vögel erfüllen bereits den Morgen mit ihren Klängen. Ich richte mich auf und blicke aus dem Fenster. Ich sehe keinen Weg, keine Wiesen, keine Sträucher und Bäume, keine Berge. Das was ich sehe, ist in mir. Es ist der Wille diesen Traum zu leben. Und darum breche ich auf. 




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